Diese 3 Bücher haben mein Leben auf den Kopf gestellt

Ein Beitrag zu Ediths inspirierender Blogparade

Eigentlich sitze ich gerade mit Autoren Freunden im Hotel Sternen in Schluchsee und überarbeite mein Manuskript. Das heisst, keine Zeit für Blogparaden oder ähnliches und überhaupt, wo soll ich die drei Bücher hernehmen. Ich habe in meiner bisherigen Lebenszeit so viele Bücher gelesen und gehört, wie soll ich mich da auf drei beschränken.

Keine einfache Aufgabe und trotzdem ist es doch so, dass es diese magischen Momente beim Lesen gibt. Wenn sich plötzlich eine Tür in deinem Kopf öffnet, die du nie zuvor bemerkt hattest. Wenn ein Satz, ein Gedanke, eine ganze Geschichte dein Weltbild verschiebt wie ein Erdbeben die Kontinentalplatten. Also, nachdenken und dann die drei Bücher auswählen, die das in meinem Leben getan haben.

Hier meine Auswahl –  und jedes dieser Bücher hat mein Leben  auf seine eigene, unverkennbare Art verändert.

Jostein Gaarder: Sofies Welt – Als mir die Philosophie die Augen öffnete

Ich war einundzwanzig und dachte, ich wüsste alles. In meinem Freundeskreis hat ein etwas jüngeres Mädchen über ein Buch gesprochen und davon geschwärmt. Natürlich musste ich, nur schon um mitreden zu können dieses Buch sofort lesen. Ich ging also in die Buchhandlung (ja, ich bin wirklich so alt, man konnte damals noch keine Bücher im Internet bestellen, da es das Internet damals noch gar nicht gab) und kaufte mir dieses dickleibige Buch: Sofies Welt. Der Klappentext versprach eine Geschichte über ein Mädchen, das geheimnisvolle Briefe erhält. Klang nach einem harmlosen Jugendroman.

Drei Tage später saß ich völlig desorientiert in meinem Zimmer und starrte an die Decke. Gaarder hatte mich durch zweieinhalbtausend Jahre Philosophiegeschichte geschleust – getarnt als Abenteuerroman. Plötzlich stellte ich mir Fragen, die ich nie zuvor gedacht hatte: Wer bin ich? Was ist Realität? Existiere ich wirklich, oder träume ich nur, dass ich existiere?

Die nächtlichen Grübeleien begannen. Während das Mädchen meiner Träume, dass schliesslich schuld daran war, dass ich mich in Gaarders Philosophie vertiefte,  sich um Partys und erste Liebschaften sorgte, lag ich wach und dachte über Platons Höhlengleichnis nach. Descartes‘ Cogito ergo sum wurde zu meinem stillen Mantra. Ich begann, die Welt nicht mehr als selbstverständlich hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen – jeden Tag, jeden Moment.

Dieses Buch machte aus einem naiven jungen Mann einen Menschen, der lernte zu denken. Nicht nur zu wissen, sondern zu denken. Der Unterschied ist gewaltig. Und er prägt mich noch heute, bei jedem Roman, den ich schreibe, bei jeder Figur, die ich erschaffe. Die Frage nach dem Warum hinter dem Was – das verdanke ich Sofie und ihrem mysteriösen Philosophielehrer.

Andreas Gruber: Die Nemez & Sneijder Reihe – Wenn Dunkelheit zur Obsession wird

Meine Krimi-Karriere begann klassisch langweilig. Agatha Christie, dann ein bisschen Henning Mankell. Gut gemacht, aber vorhersehbar. Bis mir eines Tages Todesmärchen von Andreas Gruber begegnete. Der erste Band der Nemez & Sneijder Reihe.

Was dann geschah, war keine normale Lektüre. Es war eine Obsession.

Grubers Welt ist eine Welt, in der das Böse alltägliche Gesichter trägt. Seine Ermittler Sabine Nemez und Maarten Sneijder bewegen sich durch Landschaften, die schön sein könnten – wären da nicht die Schatten, die aus jeder Ecke kriechen. Seine Fälle sind keine harmlosen Rätsel, sie sind Expeditionen in die finstersten Winkel der menschlichen Natur. Das Duo wurde zu meinen Anti-Helden: Menschen, die zu tief in Abgründe blicken und dabei selbst Risse bekommen, ohne zu zerbrechen.

Nach dem ersten Buch konnte ich nicht mehr aufhören. Ich verschlang alle Bände, einer nach dem anderen. Aber mehr noch: Gruber zeigte mir, was Crime wirklich sein kann. Nicht nur Unterhaltung, sondern psychologische Archäologie. Das Freilegen der menschlichen Natur in all ihrer verstörenden Komplexität.

Als ich anfing, meinen eigenen Thriller Huwiler und der Organhandel zu schreiben, war Grubers Einfluss unübersehbar. Die Art, wie er Ermittler als gebrochene Menschen zeichnet. Wie er Spannung nicht nur durch Action, sondern durch die langsame Erosion der Sicherheiten erzeugt. Wie er zeigt, dass die wahren Monster nicht in dunklen Gassen lauern, sondern in Bürotürmen und Villenvierteln.

Gruber lehrte mich: Wenn du über das Böse schreibst, mach es nie simpel. Die interessantesten Täter sind die, die morgens ihre Kinder zur Schule bringen und abends Organhandel betreiben. Das Grauen liegt im Alltäglichen.

Marc Elsberg: Black Out – Als mir die Verwundbarkeit unserer Welt bewusst wurde

Black Out fiel mir in einer Zeit in die Hände, als ich mich für einen ziemlich aufgeklärten, technisch versierten Menschen hielt. Ich wusste, wie Computer funktionieren, verstand die Grundlagen des Internets, machte mir keine großen Sorgen über unsere digitale Abhängigkeit.

Elsberg zeigt mit chirurgischer Präzision, wie ein einziger koordinierter Angriff einen ganzen Kontinenten in die Steinzeit zurückkatapultieren kann. Binnen Stunden bricht zusammen, was wir für unerschütterlich hielten. Menschen werden zu Tieren, wenn das Licht ausgeht und der Hunger kommt.

Das Buch machte mich zu einem anderen Autor. Ich begann, die Systeme hinter den Systemen zu sehen. In Huwiler ist es nicht nur die moralische Verwerflichkeit des Organhandels, die schockiert – es ist die erschreckende Professionalität, mit der sich Verbrechen in unsere Strukturen einweben lassen. Wie verwundbar wir sind, ohne es zu merken.

Black Out lehrte mich: Die spannendsten Geschichten spielen nicht in fernen Galaxien, sondern in einer Welt, die aussieht wie unsere – nur um eine entscheidende Kleinigkeit verschoben. Ein ausgefallenes Kraftwerk. Ein manipuliertes System. Ein einziger Klick, und alles verändert sich.

Drei Bücher, ein Leben

Rückblickend erkenne ich den roten Faden. Gaarder öffnete mir die Augen für die Philosophie des Fragens. Gruber zeigte mir die psychologischen Abgründe des Menschlichen. Elsberg enthüllte die Fragilität unserer scheinbar so stabilen Welt.

Zusammen formten sie nicht nur meine Vorlieben als Leser, sondern meine DNA als Autor. Jeder meiner Charaktere trägt ein Stück von Sofies Neugier in sich. Jede meiner Geschichten gräbt so tief wie Sneijders Obsessionen. Jede meiner Wendungen spielt mit der Verwundbarkeit, die Elsberg so meisterhaft entlarvt.

Von links nach rechts: Edith Gould, Sandra Schwertfeger, Lukas Ankli

Wenn ich heute, hier im Scharzwald  an einem langen Tisch mit meinen Autor:innen Freunden (ja genau, eine davon ist Edith Gould) sitze und an der Überarbeitung von Huwiler und der Organhandel feile, sind auch noch diese drei Stimmen da. Sie durchdringen jede Zeile, die ich umschreibe, jeden Dialog, den ich schärfe. Sie flüstern mir zu: Frage tiefer. Grabe dunkler. Zeige die Risse im System. Jeder Satz, den ich überarbeite, trägt ihre Spuren.

Manchmal braucht es nur ein Buch, um ein Leben zu verändern. Manchmal sind es drei. In meinem Fall war es die perfekte Dreifaltigkeit: Ein Philosoph, ein Psychologe und ein Systemanalytiker – getarnt als Geschichtenerzähler.

Welche Bücher haben dein Leben auf den Kopf gestellt? Ich bin gespannt auf deine Geschichte.

Dieser Artikel ist mein Beitrag zu Ediths wunderbarer Blogparade. Bis zum 22. Juni 2025 kannst du noch mitmachen und deine eigenen lebensverändernden Bücher vorstellen!

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2 Antworten

  1. Lieber Walter

    Ich danke dir für diesen schönen und persönlichen Beitrag zu meiner Blogparade!
    Ich kenne dich ja schon eine Weile und doch habe ich durch diesen Artikel eine ganz andere Seite von dir – und deinem Hintergrund als Autor – gesehen.
    Und jetzt muss ich unbedingt Andreas Gruber Krimis besorgen :)!
    Grüessli,
    Edith

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