
Manchmal unterbreche ich mitten im Satz, weil Sánná seufzt.
Nicht dramatisch, nicht laut. Einfach so ein tiefer, langer Atemzug, der sagt: Jetzt reicht es. Sie liegt auf ihrer Decke hinter dem Fahrersitz. Die Ohren sind leicht angespannt. Sie wartet.
Das kennt jeder, der mit einem Hund zusammenlebt. Aber im Wohnmobil ist das anders. Wir sind den ganzen Tag aufeinander. Kein Garten, keine Möglichkeit, sie kurz rauszulassen. Nur wir zwei — und das Manuskript auf dem Bildschirm.
Der Taktgeber mit Fell
Sánná hat mir beigebracht, Pausen zu machen. Das klingt banal, ist es aber nicht. Ich bin jemand, der im Schreiben versinkt. Früher sass ich manchmal fünf Stunden am Stück am Schreibtisch. Der Rücken schmerzte, der Kopf war voll. Der Text war trotzdem nicht besser.
Jetzt gibt es Sánná. Nach spätestens zwei Stunden steht sie auf und streckt sich. Das ist das Zeichen. Wir gehen raus, egal wo wir gerade stehen. Wald, Wiese, Parkplatz. Sie schnuppert, ich denke nach. Meistens löst sich der Knoten gerade dann.
Ich glaube, das ist kein Zufall. Bewegung bringt den Geist in Schwung. Das sagen Wissenschaftler schon lange. Sánná setzt es durch.
Publikum ohne Erwartungen
Manchmal lese ich ihr vor. Das klingt seltsam, ich weiss. Aber es hilft. Wenn ein Satz holpert, merke ich es beim Vorlesen sofort. Sánná schaut mich an, ohne Urteil, ohne Meinung. Genau das brauche ich.
Menschliche Testleser sind wertvoll. Aber sie haben Erwartungen. Sie wollen mithelfen, konstruktiv sein. Das färbt ihre Reaktion. Sánná hört einfach zu. Oder auch nicht, das ist dann auch ein Signal.
Bei einer Szene im zweiten Huwiler-Band habe ich dreimal neu angesetzt. Dreimal vorgelesen. Beim dritten Mal gähnte Sánná. Ich habe die Szene komplett gestrichen. Es war die richtige Entscheidung.
Was ich von ihr gelernt habe
Sánná lebt im Moment. Sie freut sich über den Morgenspaziergang, als wäre es der erste. Sie schläft tief, wenn Schlafen dran ist. Sie ist vollständig da, was immer sie gerade tut.
Das ist das Gegenteil von dem, was viele Autoren tun. Wir grübeln über gestern und planen für morgen. Wir zweifeln, ob der Roman gut wird. Ob ihn jemand liest. Ob er gut genug ist.
Sánná zweifelt nicht. Sie wartet auf den nächsten Spaziergang.
Ich versuche, das zu lernen. Einen Satz nach dem anderen schreiben. Den Moment nehmen, der gerade da ist. Und wenn der Kopf zu voll wird: rausgehen.
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